Fällt es dir schwer, Nein zu sagen? Verwendest du oft Ausreden, um klare Absagen zu umgehen?
In diesem Artikel erfährst du, warum wir oft Lügen, anstatt ehrlich Nein zu sagen – und wie es dir leichter gelingt.
Warum Ausreden, statt ein klares Nein
Der Ursprung, warum dir das Nein sagen schwer fällt, liegt wie so oft in der Kindheit.
Als Kind konntest du deine Grenzen deutlich setzen. Du warst in Kontakt mit deiner inneren Stimme und hast das getan, was sich für dich richtig angefühlt hat. Wenn du zum Beispiel nicht mit dem Nachbarskind Marie spielen wolltest, dann wolltest du das nicht. Wenn du nicht von deinem Onkel zur Begrüßung gedrückt und geküsst werden wolltest, dann wolltest du das nicht. Und das hast du auch gezeigt. Du hast Nein gesagt-
Das Problem war nicht, dass du deine Grenzen nicht gespürt oder gesetzt hast. Das Problem war, dass dir deine Grenzen häufig nicht erlaubt wurden.
Deine Eltern haben zum Beispiel nicht akzeptiert, dass du nicht mit Marie spielen willst oder „unhöflich“ deinem Onkel gegenüber bist. Sie hatten bestimmte Vorstellungen davon, wie du als (anständiges, braves,…) Kind zu sein hast und wollten dich dahingehend erziehen. Auf ihre Frage nach dem Warum, konntest du deine Abneigung auch oft nicht erklären. „Darum halt!“. Es war ein Gefühl. Du wusstest einfach, dass du das nicht willst.
Wenn das Gefühl nicht reicht, braucht es eine Begründung
Da Eltern die Aussage: „Darum.“ oft nicht reicht, suchen Kinder Gründe, um ihr Verhalten zu erklären. Kinder sind noch sehr im Spüren verankert. Sie haben noch keinen analytischen Verstand entwickelt und können daher nicht wirklich verstehen, warum die Dinge so sind, wie sie sind. Dennoch hast du (im Beispiel Marie) versucht, eine Begründung zu finden, um deine Eltern zufrieden zu stellen (und so deinem inneren Bedürfnis nachgehen zu können).
Doch auch das hat oft nicht zum Erfolg geführt. „Weil Marie doof ist.“ oder „Der Onkel riecht komisch.“, sind meist keine Begründungen, die Eltern einfach akzeptieren. Sie steuern gegen: „Aber das stimmt doch gar nicht, Marie ist so nett! Komm, geh‘ rüber mit ihr spielen. Sie ist deine Nachbarin.“ Oder: „Stell dich nicht so an. Sei ein liebes Kind und gib deinem Onkel ein Bussi. Es macht mich traurig, wenn du so unhöflich bist.“
Wenn die Begründung nicht reicht, braucht es Ausreden
Was tust du also, wenn du als Kind merkst, dass auch deine (ehrlichen) Begründungen nicht ausreichen, um gehört zu werden und dir deine Bedürfnisse zu erfüllen? Du fängst an, Ausreden und Entschuldigungen zu (er)finden, in der Hoffnung, dass diese von deinen Eltern besser akzeptiert werden. Sprich: Ausreden, mit denen du deine Bedürfnisse erfüllen kannst, ohne Widerstand von deinen Eltern zu bekommen oder sie zu enttäuschen.
Was sich dann als Lüge zeigt, ist nur das kindliche Bemühen, für die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse zu sorgen und die Gefühle anderer Menschen dabei nicht zu verletzen.
Diese Verhaltensweise tragen wir dann mit in unser Erwachsenenleben. Wir erfinden und verwenden auch dort noch Ausreden, wenn wir etwas für uns tun wollen. Die Angst, andere zu enttäuschen und der Wunsch, niemanden zu verletzen leiten uns dabei.
Doch was tun wir uns damit an?
Lüge statt Wahrheit – Die Folgen
1. Du musst ständig Lügen
Wenn du immer Ausreden erfindest, hört das Lügen nie auf. Du musst immer etwas vorhaben, beschäftigt sein oder gesundheitliche Beschwerden haben, wenn du keine Lust zu etwas hast – es sei denn, du bist tatsächlich verplant oder krank. Auf Dauer ist das nicht nur lästig und anstrengend, sondern führt auch zu einem weiteren Konflikt:
2. Du lebst entgegen deiner inneren Wahrheit
Durch die Ausrede erfüllst du dir zwar dein Bedürfnis, zum Beipspiel das nach Ruhe, doch innerlich fühlst du dich trotzdem nicht gut. Du hast gelogen und stehst nicht zu dir. Diesen Konflikt spürst du. Er macht sich als innere Unruhe oder schlechtes Gewissen bemerkbar.
3. Du lebst vermehrt in Angst und Stress
Die Angst, in eine Situation zu kommen, in der du dich abgrenzen musst, steigt. Es ist die Angst vor der Angst. Du bekommst unbewusst Angst vor Menschen, die dich (häufig) treffen wollen, um etwas bitten oder in Gesprächen festhalten. Du meidest diese Menschen und potentielle „Gefahrensituationen“, um nicht in die Verlegenheit kommst, Nein zu sagen oder dich durch Lügen raus zu winden.
4. Du denkst und sprichst negativ (über andere)
Wenn du dich von bestimmten Menschen übergangen oder bedrängt fühlst, wirst du dazu neigen, über diese Menschen schlecht zu reden: „Meine Kollegin ist eine blöde Kuh. Sie nutzt meine Gutmütigkeit immer aus.“ „Sie redet einfach immer so viel. Ich habe gar keine Lust mich mit ihr zu treffen.“
5. Keine echte Verbundenheit
Da du nicht ehrlich bist, trägst du eine Maske im Umgang mit deinen Mitmenschen. Auch mit deinen engsten „Freunden“. Das ist weder fair, noch ermöglicht es eine echte Verbundenheit, denn die entsteht nur durch Authentizität.

2 Schlüssel für klare Grenzen
1. Wahrhaftig sein
Um dich ohne Ausreden abgrenzen zu können, darfst du lernen, zu dir selbst und damit zu deinen wahren Bedürfnissen und Werten zu stehen, also: wahrhaftig zu sein. Das hat zur Folge, dass du zwar nicht jedem gefallen wirst, jedoch dein innerer Frieden gewahrt wird. Dein Fokus darf daher nicht mehr darauf gerichtet sein, anderen zu gefallen, sondern darauf, deine eigene Wahrheit zu leben.
Eins sei dabei gesagt: Du wirst nicht drum herum kommen, andere zu enttäuschen. Sei dir dessen bewusst. Das ist ein Preis, den du zahlen musst (und irgendwann auch völlig bereit bist, zu zahlen). Echt zu sein und es allen immer recht zu machen ist ein Widerspruch. Enttäuschungen bleiben nicht aus. Doch bedenke bei einer Enttäuschung, dass dabei eine Täuschung auffliegt. Das heißt, das Bild, das andere von dir haben, erfüllt sich nicht. Und wenn du möchtest, dass dich andere so mögen, wie du bist, dann musst du dich auch so zeigen, wie du bist. Vielleicht werden sich sogar vereinzelt Menschen von dir abwenden, doch es werden sicher nicht diejenigen sein, die dir guttun und dein Leben bereichern.
2. Eigenverantwortung tragen
Um wahrhaftig zu sein, braucht es Eigenverantwortung. Eigenverantwortung bedeutet, du übernimmst die volle Verantwortung für dich und dein Wohlbefinden – also für die Erfüllung deiner Bedürfnisse und das Beachten deiner Grenzen. Oft erwarten wir, dass andere auf uns Rücksicht nehmen: „Warum fragt sie immer mich, sieht sie denn nicht, dass ich noch so viel zu tun habe?! Sie weiß doch, dass ich total im Stress bin.“)
Wenn du Verantwortung für dich übernimmst, erwartest du nicht mehr, dass andere auf dich Rücksicht nehmen. Du weißt, dass du selbst für dein Wohlbefinden zuständig bist – und somit selbst dafür verantwortlich, dass deine Grenzen eingehalten und Bedürfnisse erfüllt werden.
6 Gedanken, um leichter Grenzen zu setzen
1. Nein ist ein ganzer Satz
Es braucht keine Begründung, wenn du etwas nicht möchtest. Es kann sinnvoll sein, das Warum zu erforschen, wenn du zum Beispiel ständig deiner Freundin absagst. Doch wenn sich etwas einfach nicht richtig für dich anfühlt, ohne dass du dieses Gefühl erklären kannst, dann stehe einfach dazu. „Nein das möchte ich nicht“. PUNKT.
2. Kenne deine Werte und stehe zu ihnen
Je besser du weißt, was dir im Leben wichtig ist, desto besser kannst du diese Werte vertreten. Ist dir deine Familie besonders wichtig, die Zeit für dich oder das monatliche Treffen mit deiner Freundin? Dann schütze diese Werte. „Ich kann dir am Wochenende nicht helfen, die Zeit mit meiner Familie ist mir heilig.“ „Auf meine Yogaeinheit verzichte ich nicht.“ „Ein anderes Mal gerne, heute treffe ich mich mit meiner besten Freundin.“
3. Nein sagen mit Empathie
Für ein gutes Miteinander kann es wertvoll sein, mitfühlend zu sein. Das muss man nicht – kann man aber machen. Wichtig ist, dass du dich dabei nicht verrätst. Wenn es dir völlig egal ist, was andere fühlen, dann tue nicht so als sei es dir wichtig 😉
Sei – wenn du magst – einfühlsam, aber stelle niemals das Wohl anderer über dein eigenes.
„Ich kann deine Enttäuschung verstehen, aber dieses Jahr übernehme ich die ehrenamtliche Aufgabe nicht mehr. Ich möchte meine freie Zeit anders nutzen.“
„Ich weiß, dass du dir das anders vorgestellt hast, aber ich helfe dir nicht schon wieder aus. Ich habe genug selbst zu erledigen.“
4. Verantwortung zurückgeben
Manchmal werden wir darum gebeten, Aufgaben von anderen zu übernehmen, weil diese sich davor drücken wollen.
- „Kannst du das Gespräch übernehmen? Mir fällt es so schwer, mit Kunde XY zu reden.“
- „Kannst du mir helfen, ich verstehe das Programm nicht.“
- „Bei dir geht das viel schneller, kannst du das nicht machen?“
In solchen Situationen ist es gut, den anderen in seine Verantwortung zu entlassen:
„Auch ich musste lernen, mit dem Kunde zurechtzukommen. Wenn du willst gebe ich dir gern ein paar Tipps.“
„Frag doch den Chef, ob du nochmal eine Schulung bekommst. Ich werde das nicht mehr für dich übernehmen.“
5. Biete eine Alternative an
Wenn du um etwas gefragt wirst, dir jedoch etwas anderes wichtiger ist, kannst du eine Alternative anbieten. Achte jedoch darauf, ob du das wirklich möchtest! Falls ja, könnte das so aussehen:
„Morgen geht bei mir nicht. Hast du vielleicht in zwei Wochen Zeit für ein Treffen?“
Diese Aufgabe will ich nicht übernehmen, aber ich könnte dir etwas anderes abnehmen.“
Eine Alternative kann Beschwichtigen und dir das Abgrenzen leichter machen.
6. Nein heißt nicht Ablehnung
Ein klares Nein fühlt sich für viele wie eine Ablehnung an. Dabei ist es nichts weiter als eine Grenze. .
Ein Kind schützt sich zum Beispiel vor zu viel Nähe, in dem es sich aus dem Arm windet.
Ein Hund, der nicht gestreichelt werden will, läuft weg oder knurrt.
Nichts davon ist eine persönliche Ablehnung, sondern schlicht eine Abgrenzung, die sowohl gesund als auch natürlich ist.
Erwachsen werden
Solange wir glauben, mit einem Nein andere zu verletzen, leben wir in dem kindlichen Glauben, dass ein Nein „böse“, verletzend und nicht erlaubt ist.
Zeit, erwachsen zu werden.

Hi, ich bin Bettina. Auf meinem Blog findest du über 200 Artikel über das Leben und das Menschsein.
Liebe Bettina.
Herzlichsten Dank für diesen wunderbaren Beitrag. Du hast einfach sowas von recht!! Ich finde mich in deinem Schreiben zu 100% wieder. Ich will auch immer gefallen und keinen Unmut bei anderen Mitmenschen auslösen. Wie du schon richtig schreibst, es hat nur mit dem Selbstwert zu tun.
Wenn das Gegenüber dann auch noch eine dominante Person ist, ist es doppelt so schwer, standhaft bei mir zu bleiben.
Aber ich arbeite daran, weil ich auch wirklich das Gefühl der Freiheit bekomme, wenn ich für mich einstehe – ich bin achtsam geworden.
Hab auch dein Buch “ Wach auf“ erworben und finde es unglaublich bereichernd!!
Vielen lieben Dank Bettina!! ?
Liebe Maria,
ich danke dir für deinen Kommentar und freue mich, dass ich wieder deinen Nerv getroffen habe 😉 Ich kenne diese Herausforderungen selbst sehr gut und bin auch immer wieder noch gefordert, bei mir zu bleiben und achtsam und klar Grenzen zu setzen. Wie schön, dass du achtsamer geworden bist und die Freiheit spürst, wenn es dir gelingt. Das ist wundervoll! Und ich freue mich auch sehr, dass dir mein Buch gefällt und hilft! Viel Freude weiterhin damit und alles Liebe
Bettina
Liebe Bettina,
ein ganz wunderbarer Artikel! Vielen Dank!
Herzliche Grüße
Kathleen
Liebe Kathleen,
ich freue mich über deine positive Rückmeldung, ganz lieben Dank dafür!
Herzliche Grüße
Bettina