Wut, Trauer, Scham – warum negative Gefühlen wichtig sind

19. Januar 2020

Jeder von uns kennt negative Gefühle wie Angst, Wut, Trauer oder Scham. Ein geläufiger Umgang mit negativen Gefühlen ist Ablenkung. Zum Beispiel durch exzessiven Sport, Fernsehen oder Social Media.

Manch andere betäuben und unterdrücken ihre negativen Gefühle auch durch Rauchen, mit Essen mit Alkohol – oder mit erzwungenem, positivem Denken.

Und wieder andere baden in Frust und Selbstmitleid. Sie kritisieren sich – oder bemitleiden sich. Und so sehr das nach Fühlen aussieht, so weit ist es davon entfernt. Es ist ein Baden in der Opfergeschichte, anstatt ein wertfreies Erleben des Gefühls.

Warum „negative“ Gefühle nicht schlecht sind und wie du mit ihnen umgehen kannst, liest du in diesem Artikel.

Das Spektrum unserer Gefühle

Wir alle tragen alle Facette von Gefühlen in uns. Sogenannte positive, als auch sogenannte negative Gefühle. Im Grunde sind Gefühle weder positiv noch negativ. Gefühle sind einfach Gefühle – eine bestimmte Energiequalität. Sie fühlen sich angenehm, unangenehm oder auch neutral an. Dass die einen „gut“ sind und die anderen „schlecht“ ist eine menschliche Erfindung. Eine Bewertung, die Gefühle nicht als das betrachtet, was sie sind.

Warum Gefühle da sind

Gefühle sind Energie und vorübergehender Natur. Doch was ist ihr Sinn und Zweck?

Alle Gefühle sind für dich da. Auch negative Gefühle. Jedes Gefühl trägt immer eine Botschaften in sich und signalisiert dir, wer du in Bezug zur aktuellen Situation (in der das Gefühl auftaucht) bist.

Sie verschwinden, wenn du die Botschaft und Energie für dich nutzt.

Dazu ein Beispiel.

Stell dir vor, es ist elf Uhr abends und du bist auf einer Geburtstagsfeier. Du bist müde und willst nach Hause gehen. Deine Begleitung will nicht, dass du gehst. Sie sagt zu dir: „Ach komm, stell dich nicht so an und bleib noch. Die anderen sind auch noch alle da.“

Du wirst wütend.

Was sagt dir die Wut in diesem Moment?

Deine Wut gibt dir zu verstehen, dass du etwas als falsch empfindest. Das ist ihre Botschaft. In diesem Fall ist es die Tatsache, dass jemand über dich bestimmen will. Dass er deine Grenzen missachtet und unter Druck setzt, damit du seine Wünsche erfüllst. Aber: Du willst selbst über dich bestimmen. Das sagt dir deine Wut.

Nun kannst du diese Botschaft und die Energie der Wut für dich nutzen. Nicht, in dem du wütend auf deine Begleitung wirst und ihr Vorwürfe machst. Dadurch würdest du bestätigen, dass du sie als übergeordnet wahrnimmst und ihre Erlaubnis brauchst, um zu gehen. Nutze die Wut, in dem du klar für dich einstehst. Die Grenzüberschreitung erkennst und eindeutig zu deiner Entscheidung stehst. Dir hat hier niemand etwas zu sagen – du entscheidest für dich selbst.

Du bist nicht dein Gefühl – Du hast ein Gefühl

Wir glauben häufig, unsere Gefühle zu sein und diesen hilflos ausgeliefert zu sein. Da kommt die Wut und wir können nichts tun, als uns dem Rausch der Wut hinzugeben. Bevor das passiert unterdrücken wir lieber die Wut und schicken sie in den Keller. Das ergibt Sinn, ist jedoch auf Dauer nicht hilfreich für deinen inneren Frieden und dein Wohlbefinden, da Gefühle Energie sind und Energie fließen will.

Gefühle wollen gefühlt und verstanden werden. Wenn du Gefühle unterdrückst oder nur positiven Gefühlen erlaubst, da zu sein, kann die Energie nicht frei fließen. Sie staut sich in dir an und kommt irgendwann und irgendwo wieder zum Vorschein. Mit größerer Intensität oder vielleicht sogar in einer anderen Form. Krankheit kann eine Form von unterdrückten Gefühlen sein.

Vielleicht hilft dir folgendes Beispiel zum besseren Verständnis. Stell dir vor ein unterdrücktes Gefühl ist wie ein Kind, das deine Aufmerksamkeit will und sie nicht bekommt. Du sagst zu ihm „sei still“, anstatt es anzuhören. Daraufhin findet das Kind immer kraftvollere und vielleicht bösartigere Wege, um deine Aufmerksamkeit zu bekommen. Wenn kein Rufen und kein auffälliges Verhalten hilft, hört das Kind irgendwann auf, um deine Aufmerksamkeit zu betteln. Doch seine Sehnsucht, von dir wahrgenommen und gehört zu werden, lebt weiter in dem Kind. Nach außen hin nicht mehr sichtbar, doch nach innen unermesslich groß und schwelend.

Wenn du negative Gefühle unterdrückst, kannst du auch die Botschaft, die ein Gefühl an dich hat, nicht für dich nutzen. Gefühle tauchen in einer Situation auf um dir JETZT etwas über dich – in Bezug zur Situation – zu erzählen: Wer du in Bezug zur Situation bist – und was stimmig für dich ist. Wenn du es ignorierst, verlierst du den Zugang zu deinem Standpunkt und deinem Kompass!

Negative Gefühle fühlen

Gefühle wollen beachtet werden

Gefühle kommen und gehen. Ein Kind, das weint, hört wieder auf zu weinen, wenn man es einfach in den Arm nimmt und weinen lässt. Es fühlt sich angenommen in der Traurigkeit, versucht auch nicht, sie wegzumachen, und das lässt die Traurigkeit wieder abfließen.

Diese Kommen und Gehen von Gefühlsregungen ist völlig natürlich, wenn wir dem Gefühl erlauben durch uns zu fließen. Erst ein Festhalten oder Unterdrücken des Gefühls behindert das Abebben des Gefühls und hält es beständig in uns fest.

Gefühle zu fühlen bedeutet nicht immer die Energie des Gefühls blindlings zu nutzen. Zunächst reicht es zu verstehen, was es uns sagen will. „Aha da ist Wut. Ich fühle mich ungerecht behandelt. Ich fühle mich bevormundet, das gefällt mir nicht. Ich könnte platzen vor Wut.“ Oder: „Aha, da ist Traurigkeit. Es fällt mir schwer, nicht zu bekommen, was ich mir gewünscht habe. Das fühlt sich eng im Herz an.“

Das bedeutet ein Gefühl wahrnehmen und fühlen.

Ob – und was – du dann mit der Botschaft und der Energie machen willst, liegt in deiner (freien) Wahl und Bewusstheit. Wie kannst du es für dich nutzen – und gibt es überhaupt etwas „zu tun“?

Wut hilft dir, deinen Standpunkt zu vertreten und selbstbestimmt zu handeln. Vielleicht braucht es ein klares Nein im außen oder aber auch das schlichte Abwenden von etwas, das für dich nicht tragbar ist.

Trauer hilft dir zu verstehen, dass du mit einem Verlust konfrontiert bist und annehmen darfst, was nicht zu ändern ist. Vielleicht willst du dir ein Tee machen und einfach erlauben, dass das schmerzt.

Jegliche Gefühle sind Facetten und Ausdruck unseres Menschseins. Sie zeigen uns, wo wir stehen – in Bezug zu etwas – und was in diesem Moment stimmig für uns ist. Gefühle sind nicht nur ein Geschenk, sie sind das Elementarste was wir als Mensch in der irdischen Erfahrung brauchen!

Diese Erkenntnis kann für dich alles verändern.

8 Gedanken zu „Wut, Trauer, Scham – warum negative Gefühlen wichtig sind“

  1. Liebe Bettina,
    Dein neuer Blog-Artikel ist wieder sehr hilfreich und wertvoll.
    Das Bild vom Keller als dem Unterbewusstsein und vom Wohnzimmer als dem Bewusstsein hat mir gut gefallen. Hilfreich ist auch der Hinweis auf das Atmen als Lebensfluss und Lebenselixier.
    Der Zusammenhang zwischen den Gefühlen und Gedanken, die aus dem Unterbewusstsein immer wieder auftauchen, ist sehr entscheidend.
    Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie sehr uns das Unterbewusstsein prägt und bestimmt… ganz sicher helfen auch unsere Träume und das bewusste Bearbeiten dieser, einen Zugang zu den unbewussten Gefühlen zu bekommen.

  2. Hallo liebe Bettina,

    Danke für deine Nachricht und dein teilen was dein Freund betrifft.

    Deine Frage: wie gehe ich mit negativen Gefühlen, Angst, Wut oder Schuld um?

    Mittlerweile anders als früher. Wut verblasst sehr schnell, dem gebe ich keine Energie mehr, Angst schwindet immer mehr, was ein befreiendes Gefühl ist. Schuld ist völlig unangebracht und sollte eigentlich ganz aus dem Wortschatz verschwinden. Schuld ist für mich nicht mehr bedeutend. Erst fühlen, dann loslassen = Frei
    Ich lebe das Leben immer mehr wie ich es will und lasse negative Menschen nicht tiefer zu mir dringen. Und ja, auch ich musste fühlen erst lernen und zulassen, dann geht es leicht und unbeschwert weiter. Sonst hängt man fest.
    Jeder Mensch hat das Recht so zu leben, wie er oder Sie es für richtig halten und genauso tue ich es auch. Ich werde immer bewusster und mir ist mehr und mehr völlig egal, was andere von mir denken oder welche Erwartungen Sie haben.
    Ich habe die Liebe für mich entdeckt und ich fühle mich mehr zu den Menschen hingezogen, die ebenfalls Liebevoll und Warmherzig sind. Sie tun mir einfach nur gut. Mit solchen Menschen fließt alles und ist Energetisch ausgeglichen. Die anderen, Energie raubenden haben bei mir keine Chance mehr.
    Viele Menschen verkomplizieren das Leben und das ist absolut unnötig. So kommt man nicht weiter im Leben. Aber jeder so wie er will und kann.
    Wir alle stecken voll in einer Veränderungsphase und die Frage ist: Wie viele stellen sich Persönlich die richtigen Fragen? Nur wer sucht und sich verändern will, findet auch Lösungen und die anderen fallen durchs Raster.
    Kein Mensch sagt, dass es leicht wird, aber was ist schon leicht?
    5 Millionen Euro auf dem Konto macht das Leben auch nicht leicht. Man kann zwar vieles kaufen und erreichen, aber wenn es nicht von innen herkommt, erlangt man alleine damit, nicht wirklich die Erfüllung und Glückseligkeit im Leben.
    Nach einer Zeit ist das Geld verbraucht und viele fallen dann wieder in ihr Ursprüngliches Muster und alles ist wie gehabt.
    In einer Beziehung ist es Wichtig, dass jeder seine Freiheit leben darf. Alles kann und darf, muss aber nichts. Jeder/jede soll so sein dürfen, wie sie ist. Punkt.

    Danke Bettina und liebe Grüße

    Frank

  3. Lieber Frank,
    herzlichen Dank für deine ausführlichen und wertvollen Gedanken zu dem Umgang mit negativen Gefühlen, zu deiner Lebensweise und deinen bereits gemachten Erfahrungen. Du hast schon viel erlebt und viele Erkenntnisse für dich gewonnen und ich wünsche dir weiterhin für deinen Weg nur das Beste.
    Kein Weg ist richtiger als der andere, sondern immer der eigene Ausdruck dessen, was er sein möchte. Wie du so schön sagst: jeder so, wie er will und kann und jene, die Antworten finden wollen, werden sie auch bekommen.
    Liebe Grüße
    Bettina

  4. Lieber Hoalan,
    herzlichen Dank für deine Gedanken zum Beitrag. Ja, diese Verbindung zwischen Gedanken und Gefühlen zu kennen ist wichtig und vielen von uns nicht bewusst. Ich verstehe dein Erstaunen gut, auch ich finde es immer wieder beeindruckend, wie sehr uns das Unterbewusstsein prägt und lenkt. Es heißt ja, dass wir unser Leben zu 95% aus dem Unterbewusstsein heraus führen. Diese Zahl ist schon nahezu erschreckend. Um mehr zu Bewusstsein zu kommen, hilft die Achtsamkeit. Auch die Bearbeitung der Träume kann dabei helfen. Vielen Dank für diesen Hinweis.
    Liebe Grüße
    Bettina

  5. Der Umgang mit negativen Empfindungen ist wohl für alle Mengen schwierig. Unser Alltag ist leider zu oft geprägt davon. Nicht nur die Medien tragen dazu bei; es ist auch das berufliche und private Umfeld. Die Erfahrung bei mir hat gezeigt, dass in kleinen Schritten eine Verbesserung der Gemütslage immer machbar ist. Hilfestellungen annehmen oder Erfolge als neues Highlight würdigen.

  6. Liebe Bettina,
    vielen Dank für den Beitrag zu diesem Thema und die Meditation!

    Ich finde es so hilfreich und wunderbar, wie du solche komplexen Themen mit einfachen anschaulichen Bildern erklärst und greifbar machst.

    Da hört sich das alles dann immer ganz logisch und sinnvoll an und das macht mir Mut zu sagen: okay, ich probier’s 🙂

    Zu dem Beispiel mit der Party:
    Ich frag mich, was dann nach „das Gefühl sagt mir, ich bräuchte eigentlich mein Bett“ kommt.

    Ich mach grad die Erfahrung, dass meine Gefühle sich nicht einfach damit zufrieden geben, gesehen zu werden und dann wieder gehen, sondern gerne hätten, dass ich auf sie reagiere und dann auch eine entsprechende Handlung folgt…

    Ich glaube,ich wäre für einen weiterführenden Artikel zu diesem Thema 🙂

    In dem Beispiel jetzt, fände ich mit der Freundin streiten auch nicht sinnvoll.
    Aber einfach alleine gehen könnte ich auch nicht, weil ich da Angst habe.

    Sollte es an dem Punkt denn dann nicht irgendwie weitergehen?
    Und wie sieht dann eine verantwortungsvolle, dem Gefühl entsprechende Reaktion aus?
    Kann ich mich zB entscheiden, trotzdem noch die Stunde zu warten, weil mir zusammen heimgehen wichtiger ist als ins Bett zu kommen?
    Oder drück ich dann das Gefühl wieder weg und es staut sich weiter auf?

    Viele liebe Grüße
    Ines

  7. Liebe Ines,
    vielen Dank für dein positives Feedback. Ich freue mich sehr, dass dir der Artikel und die Meditation helfen. Eine gute Frage und Idee. Ich werde mir überlegen, einen weiterführenden Artikel dazu zu schreiben 🙂 Du hast ja bereits in der Zusammenarbeit mit mir das Coachingdreieck kennengelernt und wie man anhand der inneren Stimmen gute Entscheidungen treffen kann. Diese Methode wäre was für diese Situation 😉 Und das Ergebnis könnte tatsächlich so aussehen, dass du dich dazu entscheidest noch eine Stunde zu warten, weil dir das gemeinsame Heimgehen wichtiger ist als ins Bett zu kommen. Dann unterdrückst du dein Gefühl auch nicht, sondern entscheidest bewusst, wie du mit dem Gefühl (und Bedürfnis) umgehen willst. Das ist genau das, was du (und ich und so viele andere) immer besser lernen dürfen: In Abwägung der inneren Stimmen und Bedürfnisse die Situation einschätzen und eine bewusste und für dich gute Entscheidung treffen. 🙂
    Liebe Grüße
    Bettina

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