Vertrauen lernen in der Sauna

22. September 2019

Viele Menschen sehnen sich danach, zu vertrauen. Sie wollen die Kontrolle loslassen und Verantwortung abgeben und doch gelingt es ihnen kaum.

Warum?

Weil sie meist ERST die Erfahrung von Vertrauen machen wollen – um dann vertrauen zu können.

Sprich: Das Leben soll ihnen erst den neuen Job bringen, bevor sie den alten Job, der sie schon lange anödet, kündigen. Oder der Partner soll erst zig mal beweisen, dass er loyal ist, bevor er das Vertrauen bekommt, dass er treu ist.

Das ist nicht Vertrauen, das ist Kontrolle: Das Absichern eines Ergebnisses im Vorfeld.

Was ist Vertrauen wirklich?

Ein Vorschuss ins Ungewisse.

Eine Sicherheit zu spüren genau dort, wo es nichts Bekanntes mehr gibt, um sich abzusichern.

Das Thermalbad ist ein wunderbarer Ort, um vertrauen zu lernen.

Die heiße Grotte: Der perfekte Ort um Vertrauen zu lernen

Lass ich dich auf meinen Aufenthalt ins Thermalbad mitnehmen, der mich die Erfahrung von Vertrauen lehrte.

Ich bin im Thermalbad am Fuße der Schwäbischen Alb und sitze in einer heißen Grotte.

Die Luft ist neblig, sehr warm und ich spüre, wie sich immer mehr Schweißtropfen auf meiner Stirn bilden. Meine Augen sind geschlossen.

Ich atme ruhig und genieße das Schwitzen.

Die Hitze umhüllt mich wie eine schwere Decke. Mein Körper arbeitet, ohne dass ich bewusst etwas dazu beitragen muss. Ich sitze einfach nur da und lasse die Wärme auf mich wirken.

10 bis 15 Minuten sind vielleicht vergangen, als es plötzlich zu zischen, zu sprudeln und zu pfeifen beginnt. Auch wenn meine Augen geschlossen sind, weiß ich sofort, was passiert: Der Aufguss.

Der Nebel verdichtet sich, die Temperatur steigt weiter an.

Es wird heißer.
Und heißer.
Und noch heißer.

Plötzlich meldet sich Angst in mir.

Mein Atem stockt. Meine Atemwege verengen sich. Ich bekomme schlechter Luft und fühle mich wie zugeschnürt. Mein Körper reagiert sofort auf die Veränderung der Situation – und mein Verstand ebenfalls.

Meine Gedanken warnen mich:
„Gehe raus, bevor dein Kreislauf versagt.“

Doch ich reagiere nicht sofort auf diese Gedanken, auch wenn die Panik nach mir greifen will.

Ich kenne meinen Verstand und ich kenne auch die Angst. Sie möchte mich schützen. Das ist ihre Aufgabe. Aber ich habe gelernt, ihr nicht mehr ungeprüft die Führung zu überlassen.

Also beobachte ich meine Gedanken und löse mich bewusst von ihnen, um wieder in meinem Körper anzukommen. Mein Körper darf entscheiden, ob ich noch kann oder nicht.

Ich spüre nach, wie es mir wirklich geht.

Mein Gesicht ist heiß. Unfassbar heiß. Es brennt regelrecht. Meine Hände, die nach oben geöffnet auf meinen Oberschenkeln liegen, sind ebenfalls sehr heiß. An den Füßen ist es am angenehmsten. Doch mein Kreislauf ist stabil.

Ich spüre: Mein Körper kommt mit der Situation zurecht.

Also entspanne ich mich mehr und mehr in diese Erfahrung hinein. Ich erlaube mir, genau dort zu sein, wo ich gerade bin – ohne zu fliehen, ohne zu kämpfen.

Ich lasse die Kontrolle los. Ich vertraue meinem Körper. Ich übergebe ihm die Führung.

Er kann das. Das weiß ich. Und ich weiß auch: Er wird mir zeigen, wenn er nicht mehr kann.

Deshalb bleibe ich.

Ich spüre. Ich atme.

Es bilden sich immer mehr Schweißtropfen auf meiner Stirn. Sie laufen über meine Wimpern und tropfen auf meine Oberschenkel. Immer mehr, in immer kürzeren Abständen. Meine Atemwege werden weiter. Mein Atem wird ruhiger und tiefer. Es brodelt, zischt und pfeift wieder – doch in mir ist es still. Während außen Hitze und Bewegung herrschen, entsteht in mir eine tiefe Ruhe.

Kurz darauf wird es auch im Außen still. Die sanfte Musik ist wieder zu hören. Und in mir ist es immer noch ruhig. So, als wäre nichts gewesen.

Mittlerweile bekomme ich in der Sauna keine Angst und keine verengten Atemwege mehr, weil ich vollständig im Vertrauen zu mir und meinem Körper bin.

Dieses Vertrauen war nicht vorhanden, es ist entstanden.

Vertrauen lernen in 3 Schritten

Vertrauen entsteht während der Hingabe an das Unbekannte.

Es folgt einem wiederkehrenden Schema, das für mich aus drei Schritten besteht.

Mentorin für Wahrheit und Selbstfuehrung

Schritt 1 – Die Grenze

Wenn du an der Schwelle zum Unbekannten – zum Unkontrollierbaren – stehst, spürst du diese Grenze körperlich. Sie zeigt sich durch meist Erregung (selten durch massive Müdigkeit). Vielleicht spürst du Anspannung, Aufregung, Unruhe, oder direkt Angst.

Nimm diese Grenze bewusst wahr: Aha, ab hier hab ich keine Kontrolle mehr über das, was kommt und was geschieht, sondern nur noch über mich.

Nimm auch deine Symptome – die Angst oder Unruhe bewusst wahr. Sie sind nicht deine Feinde. Sie verweisen schlicht auf die Grenze zum Unbekannten.

Schritt 2 – Hingabe

Da du deine Grenze wahrnimmst, kannst du sie nun bewusst überschreiten, bewusst dehnen:

Weitergehen, obwohl du nicht weißt, was kommt.

Ausprobieren, obwohl du nicht weißt, wie es dir gelingt.

Sitzen bleiben, obwohl du nicht weißt, wie es dir damit gehen wird.

Genau hier beginnt Vertrauen – das Vertrauen in dich, inmitten des Unbekannten.

Schritt 3 – Achtsamkeit

Während du mitten im Unbekannten bist, darfst du loslassen und dennoch auch achtsam bleiben, wie weit du deine Grenze ausweiten kannst. Blind zu vertrauen und „einfach weiter machen“ kann naiv und wirklich dumm sein. Denn vielleicht kommt tatsächlich der Punkt, an dem es ein Handeln von dir braucht.

Doch nicht mehr im Vorfeld, um dich vor einer möglichen Gefahr zu schützen. Sondern nur dann, wenn im aktuellen Moment wirklich die Notwendigkeit zum Handeln besteht.

Zum Beispiel die Sauna verlassen, wenn du merkst, jetzt macht dein Kreislauf wirklich schlapp. Oder dich trennen, wenn dein Freund sich ständig mit anderen Frauen trifft und du seinen Aussagen: „Da ist nichts“ einfach nicht mehr glauben kannst.

Zu vertrauen bedeutet, Vertrauen in sich selbst zu haben

Zu vertrauen bedeutet, ich habe nichts an das ich mich halten kann – außer mich selbst. Meine eigene innere Wahrnehmung und Intuition, während ich mir erlaube, in die Erfahrung zu gehen.

In die Ungewissheit des Lebens.

In die Hitze.

In die Beziehung mit einem anderen Menschen.

Dabei kann ich mich auch eine Zeit lang vollständig hingeben.

Vertrauen bedeutet nicht, niemals komplett loszulassen, sondern immer wieder zu dir selbst und in deinen eigenen Stand zurückzukommen.

Wenn du dich hast, hast du alles.

6 Gedanken zu „Vertrauen lernen in der Sauna“

  1. Loslassen und Vertrauen – diese beiden Wörter habe ich gross in meine Agenda eingeschrieben. Prinzipiell wüsste ich, wie es geht und auf was es ankommt, neige jedoch zu Ungeduld, frei nach dem Motto, es sollte gestern schon passiert sein…
    Aber ich bin ein lernfähiges Wesen und gebe mir grosse Mühe, Achtsamkeit, Akzeptanz, Loslassen, Vertrauen/Glaube und wach sein zu üben.
    Madeleine Buntschu

  2. Liebe Madeleine Buntschu,
    ja, diese Ungeduld kenne ich. Loslassen und Vertrauen lernen ist wahrlich ein Übungsweg, auf dem ich dir viel Erfolg und auch Freude am Üben selbst wünsche.
    Liebe Grüße
    Bettina

  3. Liebe Bettina,

    ja, ich kenne es genau so wie du es in der Sauna Situation beschrieben hast.
    Sobald ich außergewöhnliche Dinge an meinem Körper wahrnehme (Bsp. Herzstolpern,außergewöhnliches ziehen in der Magengegend ect.) wollen meine Gedanken „durchdrehen“ was dann zu einem Kreislauf wird. Das sind bei mir Gedanken die früher und teils noch zu Panik führen.
    Ich habe halt Angst körperlich krank zu sein. Und genau da fehlt es mir gehörig am Vertrauen in meinem Körper. Ich kann die Kontrolle nicht abgeben, und das seit vielen Jahren (bin jetzt 36).
    Heute suche ich nach Inspiration und Hilfestellungen wie ich lernen kann mir zu vertrauen, da die warteliste beim Psychologen noch lang ist. Aber ich merke mir geht wertvolle Lebenszeit verloren, wenn ich immer in Angst bin.
    Ich danke dir für genau die Situation in der Sauna! Es wird dauern, aber ich werde es lernen. Ganz bestimmt.

    Lg Christina

  4. Liebe Christina,
    ich danke dir herzlich für deinen Kommentar und dass du dich hier so öffnest. Ich kann gut verstehen, dass du dringend etwas an deiner Situation ändern willst, denn wie du sagst, deine Lebenszeit ist wertvoll. Sie ist das Wertvollste, was wir haben. Ich freue mich, dass dir das Beispiel in der Sauna hilft und wünsche dir sehr, dass du es für dich anwenden und in liebevollen Kontakt mit deinen Ängsten kommen kannst. Wenn du möchtest, spreche ich auch gerne mit dir über eine mögliche Zusammenarbeit, um dich aus deinen Ängsten zu begleiten und im Umgang mit ihnen zu unterstützen. Hier kannst du einen Termin aussuchen, bei dem wir unverbindlich über Möglichkeiten sprechen.
    Ich würde mich freuen.
    Liebe Grüße
    Bettina

  5. Liebe Bettina,

    ich habe schon vieles gelesen, immer in der Hoffnung, die Worte zu lesen, die ich gerade fühle. Bei dir bin ich endlich angekommen. Alles, was du schreibst, über das Angst haben, das Loslassen, das Vertrauen finden usw. spricht mit aus der Seele. Ich befinde mich genau in solch einer Situation, in der ich alles um mich herum geplant habe (dies muss ich tun, aus Sicherheitsgründen), aber eines kann ich nicht planen: Das, was passieren wird/kann, wenn ich endlich einen Schlussstrich ziehe, um frei sein zu können. Und genau das hemmt mich, es hindert mich daran diesen letzten Schritt zu gehen. Ich konnte bis jetzt alles kontrollieren, habe mir eine Wohnung besorgt, habe mich Finanziell abgesichert, aber was auf emotionaler, verbaler, körperlicher Ebene passieren kann, wenn ich endlich sage „Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr“, davor habe ich solche Angst, dass ich keinen Mut finde diesen letzten Schritt zu gehen, um endlich ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Liebe Grüße

  6. Liebe Sarah,
    vielen Dank für dein schönes Feedback. Es freut mich sehr, dass du dich hier verstanden und angekommen fühlst. Ich weiß nicht, um welchen Schlussstrich es bei dir handelt, jedoch kann in solchen Übergangsphasen ein Coaching sehr unterstützend sein. Um nochmal Klarheit für den eigenen Weg zu bekommen, um kleine Schritte zu definieren und die Stärke in sich zu entwickeln, den eigenen Weg mutig und zuversichtlich weiterzugehen. Falls du möchtest, stehe ich dir hierfür in einem Erstgespräch gerne zur Verfügung. Ich wünsche dir alles Liebe, allem voran die bedingungslose Liebe zu dir selbst und den Mut für deinen eigenen Weg.
    Liebe Grüße
    Bettina

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