Angst vor Nähe? – Bindungsangst erkennen und überwinden

5. November 2022

Menschen mit Bindungsangst fällt es schwer, sich auf andere Menschen einzulassen. Sie haben in ihrem Leben sehr negative Erfahrungen mit engen Bindungen gemacht und wollen sich deshalb vor ihnen schützen.

Die Betroffen wissen dabei selten um ihre Angst und deren störender Einfluss auf ihre Beziehungen. Häufig sehnen sie sich sogar nach einer erfüllenden Partnerschaft, die sich einfach nicht zu erfüllen scheint.

In diesem Artikel erfährst du, woran du Bindungsangst erkennst, welche Erfahrungen sie verursachen und was sie wirklich auflöst.

Was ist Bindungsangst?

Von Bindungsangst spricht man, wenn Menschen Angst davor haben, sich emotional und verbindlich auf eine Beziehung einzulassen.

Bindungsangst wird meist auf Partnerschaften bezogen. Sie kann sich aber auch in allen anderen Beziehungen zeigen, bei denen eine fehlende Bereitschaft vorherrscht, sich zu emotional öffnen.

Bindungsangst kann in ihrer Ausprägung sehr unterschiedlich sein. In hohem Maße kann sie sich als als Bindungsphobie zeigen, bei der jegliche Verbindlichkeit abgelehnt wird.

Bindungsangst ist eine erlernte Schutzfunktion, die zum Ziel hat, sich vor emotionalem Schmerz – sowie der Abhängigkeit einer verbindlichen Beziehung zu schützen.

15 Anzeichen für Bindungsangst

Bindungsangst kann sich vielfältig zeigen und hängt auch vom Bindungstyp ab (siehe nächsten Abschnitt).

Mögliche Symptome von Bindungsangst:

  1. Kein Gefühl von Liebe
    Du empfindest keine tiefe Liebe für deinen Partner. Du magst ihn, aber es ist, als würde etwas Bedeutsames an Gefühl fehlen. Ihr lebt in einer Zweckgemeinschaft, nicht als echtes Team und Paar.
  2. Angst vor tiefen Gefühlen
    Du öffnest dich emotional kaum in der Beziehung. Sie bleibt rational, auf Verstandesebene. Mit Gefühlen an sich kannst du schwer umgehen, sowohl bei dir als auch bei anderen.
  3. Oberflächliche Kontakte
    Die Kontakte neben deiner Beziehung sind (bis auf einen besten Freund) oberflächlich. Du gibst wenig von dir preis, redest viel und gibst gern Ratschläge oder hörst mehr zu anstatt von dir zu erzählen.
  4. Misstrauen in eine Partnerschaft
    Du glaubst insgeheim nicht an eine dauerhafte Partnerschaft oder gar die wahre Liebe. Wenn du eine Beziehung eingehst, denkst du oft, dass das bestimmt eh nicht hält.
  5. Erzeugung von physischer Abhängigkeit
    Hochzeit, finanzielle Versorgung oder auch das extreme Kümmern kann unbewusstes Mittel sein, um die physische Bindung sicherzustellen, ohne emotional werden zu müssen.
  6. Wenig Selbstvertrauen
    Du fühlst dich oft minderwertig und kannst schwer glauben, dass jemand mit dir zusammen sein will. Nach außen hin zeigst du das nicht. Du stellst dich selbstbewusst dar – oder bist sehr devot.
  7. Starke Anpassung und Leistung
    Deine Minderwertigkeitsgefühle zeigen sich oft in extremer Anpassung und Leistungsbereitschaft. Du willst es dem anderen Recht machen, ihm gefallen oder übermäßig großzügig sein (ohne zu merken, dass du den anderen dabei oft völlig übergehst).
  8. Neigung zu Dominanz und Kontrolle
    Deine Leistung und übermäßige Fürsorge bezeichnest du als Liebe. Sie geben dir das Gefühl von Kontrolle über die Beziehung. Dass sich dein Partner mal um dich kümmert lässt du nicht oder nur in Ausnahmefällen zu.
  9. Keine Schwäche zeigen
    Du hast große Angst davor, schwach zu wirken. Kritik nimmst du schnell persönlich. Sie führt oft zu Diskussionen. Am Ende willst du Recht haben oder Stärke durch Ignoranz demonstrieren.
  10. Vermeidung von Intimität
    Echte Intimität (nicht zwingend Sex) vermeidest du. Sobald es tief und ehrlich wird, machst du flapsige Witze oder entziehst dich anderweitig der Situation.
  11. On- Off-Beziehungen
    Der Wunsch nach Nähe und die zeitgleiche Angst davor kann auch zu On-Off-Beziehungen führen oder zu unverbindlichen Liebesgeschichten wie Affairen oder Freundschaft Plus.
  12. Rückzug bei Verletzlichkeit
    In verletzlichen Momenten tauchst du am liebsten ab, brichst ein Gesprächsthema ab, verlagerst den Fokus auf dein Gegenüber oder verlässt den Raum. Du erscheinst erst wieder, wenn du dich stark fühlst.
  13. Keine Zärtlichkeit in der Öffentlichkeit
    Händchenhalten, Küsse oder Umarmungen in der Öffentlichkeit lehnst du ab. Sollte es doch mal dazu kommen, fühlst du dich sehr unwohl dabei.
  14. Flucht in die Geschäftigkeit
    Für Verabredungen oder Zweisamkeit, die intim werden könnte, hast du oft keine Zeit. Du weichst aus, flüchtet dich in Arbeit, Projekte oder Hobbys.
  15. Keine große oder langfristige Verantwortung
    Du lehnst große Verantwortungen ab. Sie haben für dich mit Einschränkungen und Erwartungen zu tun. Du bist dir nicht sicher, ob du die Erwartungen erfüllen und dich lange Zeit verpflichten willst.

Welche konkreten Anzeichen ein Mensch mit Bindungsangst zeigt, hängt stark damit zusammen, wie ausgeprägt die Bindungsangst bei ihm ist und welcher Bindungstyp er ist. Die gängige Meinung, dass nur der, der aktiv flüchtet, bindungsängstlich ist, ist ein massiver Irrtum.

Verschiedene Bindungstypen

In der Psychologie werden unter Bindungsängstlichen zwei Bindungstypen unterschieden:

Der ängstliche/ambivalente Bindungstyp. Er wünscht sich Liebe und tiefe Verbindung, hat aber zeitgleich große Angst vor Verletzungen. Dadurch ist er sehr unsicher und zweifelnd im Kontakt mit anderen Menschen, neigt stark zur Anpassung. Er ist emotional vom Partner abhängig. Dieser Typ geht häufiger Partnerschaften ein, als der vermeidende Typ. Dort kommt er jedoch stark mit seinen Ängsten in Kontakt, weswegen er sich dann oft zurückzieht, große Ambivalenz zwischen Nähe und Distanz spürt oder sich trennt.

Der vermeidende Bindungstyp. Er wirkt nach außen hin selbstsicherer, als er in Wahrheit ist. Sein eigenes Nähebedürfnis hat er verdrängt, sodass er es oft selbst kaum wahrnimmt. Dadurch verspürt er vorerst auch keine Bindungsängste. Er vermeidet Nähe und verbindliche Partnerschaften aus der Überzeugung heraus, sie nicht zu brauchen oder ohne sie besser dran zu sein. Der vermeidende Bindungstyp wirkt stark und selbstbewusst, weil er rational bleibt. Er kann lange Partnerschaften eingehen, in denen er sich aber oft emotional distanziert und kühl zeigt. Gefühle werden wenig thematisiert und beachtet.

Lange Zeit unentdeckt

Für den Betroffenen kann die Bindungsangst unentdeckt bleiben, weil ihm sein eigenes Verhalten so natürlich erscheint (er war schon immer so) oder weil er die Probleme bei seinen Mitmenschen verortet.

Meist wird die Bindungsangst erst dann vom Betroffenen erkannt, wenn er in Beziehungen wiederholende Muster und Probleme erkennt und beginnt, den Blick auf sich selbst und seinen möglichen Anteil daran zu richten.

Wie entsteht Bindungsangst?

Die Auslöser für Bindungsangst können vielfältig sein – die Ursache ist eine:

Die Angst davor, nicht so geliebt zu sein, wie man ist – und dadurch emotionalen wie existenziellen Schutz zu verlieren.

Häufige Auslöser für Bindungsangst sind:

Trennung nach der Geburt

Das Gefühl, als Mensch nicht willkommen und geliebt zu sein kann sehr früh entstehen. Zum Beispiel durch die längere Trennung von der Mutter direkt nach der Geburt in einen Brutkasten.

Vernachlässigung und Verlust

Elternteile, die emotional kalt und distanziert ihrem Kind gegenüber sind; die es spürbar ablehnen, verletzen, missbrauchen oder vernachlässigen, lösen eine tiefe Verunsicherung im Kind aus. Häufig wechselnde Bezugspersonen, das ständige „Parken“ bei jemand anderem, als würde das Kind stören und eine Last sein, ebenso.

Von den Eltern „übersehen“ und nicht wahrgenommen zu werden, zum Beispiel weil andere Geschwister im Vordergrund stehen, ist eine Form von Vernachlässigung. Im Kind kann die Überzeugung entstehen, nicht existent, nicht richtig und wertvoll zu sein.

Auch der Verlust einer geliebten Bezugsperson in jungen Jahren – oder im späteren Leben das Verlassen-werden von der großen Liebe kann Grund dafür sein, dass sich ein Mensch nicht mehr voll und ganz auf eine Person einlassen will. Der mögliche Schmerz eines erneuten Verlustes ist einfach zu groß.

Übermäßige Fürsorge und hohe Erwartungen

Überfürsorgliche Eltern, die ihr Kind mit Zuwendung regelrecht erdrücken und ihm keinerlei Raum für eigene Wünsche, Bedürfnisse und Entwicklungen lassen, lösen Bindungsangst aus. Das Kind fühlt sich eingeengt und gezwungen, die Erwartungen der Eltern zu erfüllen, auch wenn diese ihm nicht entsprechen.

Übertriebener Ehrgeiz oder hohe Erwartungen an das Kind, können dem Kind das Gefühl geben, dass es nur dann geliebt wird, wenn es „optimal“ funktioniert. Bedingungslose Zuneigung kennt es nicht und kann auch nur schwer das Vertrauen in eine solche entwickeln.

Überlastung durch Verantwortung

Kinder von psychisch kranken Eltern, die unter Alkoholsucht, starker Depression oder Narzissmus leiden, müssen oft früh viel Verantwortung für den Elternteil oder ihre Geschwister übernehmen. Eine Verantwortung, die sie weder tragen können, noch sollten. Kinder mit dieser Erfahrung erleben in der engen Beziehung, dass sie sich kümmern müssen, verantwortlich sind und sich anpassen müssen, um die Eltern zufriedenzustellen. Diese enge Bindung bedeutet für das Kind den Verlust der Autonomie, die Unterdrückung seiner Bedürfnisse und fehlender Raum zur Entfaltung seiner Persönlichkeit.

Eine solche negative Beziehungserfahrung kann natürlich auch im Erwachsenenalter entstehen, zum Beispiel durch eine mehrjährige Partnerschaft mit einem stark narzisstisch veranlagten Menschen.

Es gibt viele Auslöser für Bindungsangst. Ihr liegt immer eine oder mehrere einschneidende und hochschmerzhaft erlebte Erfahrungen zu Grunde.

Hochsensible Menschen und Bindungsangst

Bindungsfähigkeit und Selbstwertgefühl hängen eng zusammen, da beides abhängig voneinander entsteht. Unter diesem Aspekt wird auch klar, warum feinfühlige Menschen oft unter Bindungsangst leiden.

Eine verkannte oder missachtete Hochsensibilität in der Kindheit hat zur Folge, dass sich das Kind nicht wahrgenommen, ernstgenommen und geliebt fühlt als der Mensch, der er ist. Oft wird die Feinfühligkeit auch ausgenutzt und missbraucht, um die Bezugspersonen emotional zu stabilisieren. Die Folgen sind sowohl ein tief eingeprägtes Minderwertigkeitsgefühl, als auch die Konditionierung, für die emotionalen Belange des Umfeldes ständig zur Verfügung stehen zu müssen.

Durch das hochempfindsame Wesen werden Missachtungen und Missbräuche besonders schmerzhaft erlebt. Das wiederum verstärkt die Angst vor einer erneuten Verletzung – und damit eine Bindungsangst.

Trigger – So wird Bindungsangst ausgelöst

Bindungsangst wird getriggert, wenn es verbindlich, sehr persönlich oder emotional eng werden könnte. Sie kann lange Zeit verborgen bleiben, weil der Betroffene Strategien entwickelt hat, um mit der Angst nicht in Kontakt zu kommen.

Je nach Auslöser und Ausprägung der Bindungsangst können die Auslöser sehr unterschiedlich sein. Für manch einen ist es das Händchenhalten und die Berührung in der Öffentlichkeit, die ihn plötzlich in Panik versetzen. Für manch anderen ist es die Planung des ersten gemeinsamen Urlaubs, die ehrliche Frage nach den Gefühlen oder die Vorstellung einer möglichen Hochzeit.

Bindungsangst

Schutzstrategie: Flucht, Angriff oder Erstarrung

Ist der Trigger aktiv (der Auslöser gedrückt), fühlen sich die Betroffenen akut bedroht und zeigen Reaktionen der Angst. Oft sind sie selbst überwältigt von ihren eigenen Gefühlen der Ohnmacht und Hilflosigkeit und handeln nur noch instinktiv aus der Angst heraus. Sie versuchen durch Flucht, Angriff oder Erstarren (die natürlichen und unbewussten Stressreaktionen des Körpers) der Situation zu entkommen.

Flucht könnte sein, das Gespräch zu verlassen oder das Thema abrupt zu wechseln. Angriff könnte sein, recht haben zu wollen oder den Fokus (und die Schuld) auf das Gegenüber zu lenken. Und Erstarren könnte sein, sich innerlich zu verschließen, einen Kloß im Hals zu haben oder kühl nach außen zu werden.

Es gibt eine weitere Dynamik: die Fawn Reaktion. Das Unterwerfen, um die Situation zu entschärfen. In großen Stresssituationen ist das eine häufige, erlernte, Reaktion, die auch im Tierreich zu finden ist. Fawn könnte sein, dass man sich plötzlich die Schuld eingesteht, alles auf sich nimmt, das Gegenüber besänftigt und liebevoll wird, obwohl man kurz zuvor noch allen Grund zur Wut hatte.

Was alle Menschen mit Bindungsangst auszeichnet – ob sich diese offensichtlich als Flucht aus der Beziehung zeigt – oder durch Verlustangst und die damit verbundene Kontrolle der Beziehung – sie alle haben eine immense Angst davor, abgelehnt zu werden. Denn ein Nein ist für ihr System der größte Beweis, dass sie nicht wertvoll und als Person unzureichend sind.

Wer mit eine Nein nur schwer oder gar nicht umgehen kann, liefert ein deutliches Zeugnis seiner Bindungsangst.

Der einzige Weg aus der Bindungsangst

Bindungsangst entspringt den kindlichen Erfahrungen und dem erlernten Schutzprogramm, um Liebe und Schutz sicherzustellen. Nichts davon ist im Erwachsenenalter noch angemessen. Sich von Bindungsangst zu befreien gelingt nicht, in dem man hunderte Bücher darüber studiert, sich ständig selbst offenbart oder jahrelang in Therapie geht. Das kann Verständnis schaffen, aber nicht die Angst selbst beheben, wenn der Weg durch den Schmerz nicht gegangen wird.

Freiheit erlangst du nur, wenn du dich deiner tiefsten Angst stellst: Der Angst, nicht geliebt zu sein für das, was du bist – und die unabhängige Liebe zu dir selbst entwickelst.

Erst dann bist du emotional frei – und fähig, wahrhaftige Beziehungen auf Augenhöhe zu führen.

Der Weg führt durch den Schmerz. Und niemand kann ihn dir abnehmen.

2 Gedanken zu „Angst vor Nähe? – Bindungsangst erkennen und überwinden“

  1. Ja, diese Bindungsangst hab ich auch. Immer konnte ich mich nur wirklich für die Liebe öffnen, wenn mein Gegenüber im Grunde nicht für eine Beziehung zur Verfügung stand. Und dann litt ich fürchterlich. Irgendwann hab ich das durchschaut, doch geheilt war ich da lange noch nicht.

    Doch vor knapp zwei Jahren hat mir das Leben eine Therapie verordnet. Meine Mutter hatte einen Schlaganfall, und war von nun an auf meine Hilfe angewiesen. Da ihre linke Hirnhälfte betroffen war, dominiert nun die rechte Hirnhälfte. Die früher kühle und perfektionistische Frau, zu der ich ein misserables Verhältnis hatte, ist nun ein sooo liebevolles Wesen, und anhänglich wie ein kleines Hündchen. Gott war es am Anfag schwer für mich diese liebevolle Nähe länger zu ertragen, und gleichzeitig hatte ich Angst, dass sie wieder „heilt“ und in ihre alten Verhaltensmuster zurück fällt. Ja, auch Angst sie durch den Tod zu verlieren. Ganz langsam fühle ich mich auch lange Stunden mit ihr wohl. Ganz geheilt bin ich wahrscheinlich noch nicht.
    Es ist schon lustig, wie das Leben so spielt. Gerade diese Frau, die in mir diese Bindungsangst auslöste, hilft mir nun sie wieder los zu werden.

    Ich will aber auch sagen, dass mir meine Bindungsangst ein sehr freies Leben beschert hat, und ich habe diese Freiheit auch in vollen Zügen genossen. Vielleicht wäre eine Bindung zu einer abenteuerlustigen Frau aber mindestens genauso gut gewesen. Egal, das Leben ist ein Prozess, und ich bin ihn großteils mit Freude durchlaufen, und ich freu mich auch weiterhin auf alles was da mit mir und durch mich geschehen will.
    Ich bin nun schon fast 62 Jahre alt, und da ist dann vieles nicht mehr so wichtig. So oder so – leben zu dürfen ist ein Geschenk.

    Ich hab übrigens Dein Buch „Wer bin ich“ gelesen, und es ist Dir gut gelungen. Es gibt sicherlich noch sensibelere Mensch als mich, doch ein großes Stück weit hab ich mich da schon wiedergefunden.

    Gruß Martin

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